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Bentheimer_Landschaft_CoverLangsteert taucht auf

Wie das Bentheimer Landschaf in die Welt kam

Nordhorn. Hätten Schafe einen Personalausweis – für das Bentheimer Landschaf müsste man wohl die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen. Denn die alte Schafrasse aus Deutschlands Nordwesten hat eine deutsche und eine holländische Vergangenheit. Diese und weitere neue Erkenntnisse hat der Journalist Tobias Böckermann in seinem Buch „Das Bentheimer Landschaf – Geschichte und Zukunft einer alten Nutztierrasse“ zusammengefasst.
Das Bentheimer Landschaf trägt zwar den Ort seiner Herkunft im Namen – aber er erzählt den Recherchen des Redakteurs der Neuen Osnabrücker Zeitung zufolge nicht die ganze Wahrheit. „Das Bentheimer Landschaf ist älter als bisher angenommen, es war schon viel früher viel weiter verbreitet und ohne Züchter aus dem benachbarten Emsland wäre es heute vielleicht  ausgestorben“, sagt er.  Aber der Reihe nach. Vor gut fünf Jahren hat der passionierte Schafhalter gemeinsam mit dem Leiter des Tierparks Nordhorn, Thomas Berling, damit begonnen, die Geschichte des Schafes genauer zu ergründen. Beide trieb die Frage an, woher genau das Schaf stammte, für dessen Erhalt sie sich gemeinsam mit vielen anderen seit Jahren einsetzen. Denn lange galt als unklar, ob es aus den Niederlanden nach Deutschland importiert wurde, oder vielleicht umgekehrt. Die Suche in Archiven, Zuchtbüchern und Literatur beschränkte sich dann nicht nur auf das Schaf selbst, sondern schloss auch die damaligen Lebensumstände der Menschen und die historische Landschaft mit ein. „Ein Nutztier ist immer das Ergebnis menschlicher Kultur“, sagt Böckermann. „Es dient einem Zweck und wird deshalb den Gegebenheiten angepasst.“ Und die sahen in der Grafschaft Bentheim und dem Emsland in Niedersachsens Nordwesten im 18. Und 19. Jahrhundert ganz so aus, wie noch heute in Teilen der Lüneburger Heide. „Heide, Sand und Moor bestimmten das Bild – oftmals gab es kilometerweit weder Baum noch Strauch“, schreibt Böckermann in seinem Buch. 1867 zählte man 218157 Schafe - bei einer Gesamtbevölkerung von 74 400 Menschen ergab dies 269 Schafe pro 100 Einwohner. „Grafschaft und Emsland waren Schafland“, schreibt Böckermann. Die meisten dieser Weidetiere waren zunächst wohl noch Heidschnucken oder gehörten zur Rasse des heute ausgestorbenen Deutschen oder Rheinischen Schafes. Aber schon 1867 muss es Tausende Bentheimer gegeben haben, denn 5000 Tiere dieser Rasse wurden damals aus dem Ursprungsgebiet nach Frankreich exportiert und wegen ihres hohen Schlachtgewichts von 50 Pfund gelobt. Heidschnucken wogen damals die Hälfte.  Aber woher kam dieses Schaf, das die Einheimischen plattdeutsch auch als „Langsteert“, also „Langschwanz“ bezeichneten? Und welche Rolle spielten dabei die Niederlande, in denen mit dem „Schoonebeeker Schaf“ eine fast identische Schwesterrasse gezüchtet wurde und wird? Die Nachforschungen ergaben, dass beide Schafrassen vermutlich gleichzeitig in einer grenzübergreifenden Region entstanden sein müssen, zu der Teile der niederländischen Provinz Drente und vielleicht auch Teile des Münsterlandes gehörten. „Die Menschen beiderseits der Grenze tauschten damals offenbar rege Tiere und Wissen aus. In einem Gebiet rund um Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim, das bis ins heutige Emsland reichte, nannte man das irgendwann vermutlich durch Kreuzung verschiedener Schläge entstandene „hiesige“ Schaf dann „Bentheimer Landschaf“, schreibt Böckermann. Erstmals in einer Aktennotiz erwähnt wurde es unter diesem Namen im Jahr 1864. In Neuenhaus gab es eine Ölmühle und die Bauern verfütterten die Produktionsreste, die sogenannten Ölkuchen, an ihre Schafe. Dadurch wurden sie größer, schwerer und anspruchsvoller, blieben aber durch den Weidegang an die karge Kost der Heiden und Moore angepasst. Das holländische Pendant zum Bentheimer Schaf – das Schoonebeeker Schaf, dürfte in etwa zeitgleich entstanden sein, wurde dann aber in den Niederlanden entweder nach dem grenznahen Dorf Schoonebeek, vermutlich aber abgewandelt aus den deutschen Wörtern „Schöne Backen“ benannt – wegen der adretten Gesichtszeichnung. Genützt hat beiden Schafrassen ihre binationale Herkunft allerdings wenig. Mit der Kultivierung von Heiden und Mooren auf beiden Seiten der Grenze wurden Bentheimer und Schoonebeeker immer seltener gebraucht – sie standen im 20. Jahrhundert kurz vor dem Aussterben. 1970 hielten nur noch die drei emsländischen Züchter Reinking (Haren), Heidotting (Twist) und Einhaus (Geeste) das Bentheimer Landschaf im Herdbuch. Die Entwicklung vom Tiefpunkt mit damals nur 50 Zuchttieren bis zum heutigen Bestand von 2300 Zucht- und mehr als 10000 Gebrauchstieren deutschlandweit ist engagierten Menschen zu verdanken, die sich für das Bentheimer Landschaf eingesetzt haben. Vor allem hat man die hervorragende Eignung der Rasse für die Landschaftspflege erkannt und setzt sie deshalb in nahezu allen Bundesländern dort ein wo es gilt, ökologisch wertvolle Kulturlandschaften wie Heiden und Trockenrasen zu erhalten. Und so hat das Bentheimer Landschaf eine interessante Entwicklung genommen von der beherrschenden Nutztierart eines ganzen Landstrichs zu einer vom Aussterben bedrohten Rarität, wieder hin zu einem überregional gefragten Landschaftspflegeschaf.
Über das Buch
Über die Geschichte des Bentheimer Landschafes hat der Meppener Journalist Tobias Böckermann jetzt ein Buch veröffentlicht. Auf 124 Seiten beschreibt der Emsländer, der selbst in einem von ihm mit gegründeten Verein seit 1994 Bentheimer Landschafe züchtet, wie das Schaf mit dem Charakterkopf vor gut 200 Jahren entstanden ist. Dafür hat er, zum Teil gemeinsam mit dem damaligen Leiter des Tierparks Nordhorn und heutigen Bürgermeister der Stadt, Thomas Berling, fünf Jahre lang Akten und alte Bücher gewälzt, Zuchtgeschichten recherchiert und sowohl in Deutschland als auch in Holland Nachforschungen angestellt – mit Unterstützung von rund einem Dutzend Schäfer, Historiker oder sonstigen Sachkundigen. Das Buch porträtiert neun Züchter aus mehreren Bundesländern und ihre Arbeit, es beschreibt die Vorteile der Bentheimer für die Landschaftspflege und erläutert, durch welche ökologischen Besonderheiten sich die Heide auszeichnet und wie sie einst entstanden ist. Außerdem wirft es einen intensiven Blick auf die Agrargeschichte des 19. Jahrhunderts und erläutert, wie die Heide entstand, wie die Menschen von den Schafen durch den Export von Wolle und Strickzeug oder durch den dringend benötigten Schafdung profitierten oder das es nur in der Region mit dem „Haiken“ einen sagenumwobenen weißen Schäfermantel gab. Ein Serviceteil nennt wichtige Adressen. „Das Bentheimer Landschaf - Geschichte und Zukunft einer alten Nutztierrasse“ umfasst 124 Seiten und enthält 82 Farb- und 30 historische Schwarzweißfotos, dazu etwa ein halbes Dutzend Karten, Grafiken und Zeichnungen. Es ist im Verlag der Emsländischen Landschaft e.V. (Sögel) unter der ISBN-Nummer 978-3-925034-45-9 erschienen, kostet 14,60 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.
(Text: Tobias Böckermann)

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Fotos: Emsländische Landschft e. V.
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